Montag, 25. Juni 2018
DAS TOTENHEMDCHEN
Es hatte eine Mutter ein Büblein von sieben Jahren, das war so schön und
lieblich, daß es niemand ansehen konnte, ohne mit ihm gut zu sein, und
sie hatte es auch lieber als alles auf der
Welt. Nun geschah es, daß es plötzlich krank ward, und der liebe
Gott es zu sich nahm; darüber konnte sich die Mutter nicht trösten und
weinte Tag und Nacht. Bald darauf aber, nachdem es
begraben war, zeigte sich das Kind nachts an den Plätzen, wo es
sonst im Leben gesessen und gespielt hatte; weinte die Mutter, so weinte
es auch, und wenn der Morgen kam, war es verschwunden. Als
aber die Mutter gar nicht aufhören wollte zu weinen, kam es in einer
Nacht mit seinem weißen Totenhemdchen, in welchem es in den Sarg gelegt
war, und mit dem Kränzchen auf dem Kopf, setzte sich
zu ihren Füßen auf das Bett und sprach 'ach Mutter, höre doch auf zu
weinen, sonst kann ich in meinem Sarge nicht einschlafen, denn mein
Totenhemdchen wird nicht trocken von deinen Tränen, die
alle darauf fallen.' Da erschrak die Mutter, als sie das hörte, und
weinte nicht mehr. Und in der andern Nacht kam das Kindchen wieder,
hielt in der Hand ein Lichtchen und sagte 'siehst du, nun
ist mein Hemdchen bald trocken, und ich habe Ruhe in meinem Grab.'
Da befahl die Mutter dem lieben Gott ihr Leid und ertrug es still und
geduldig, und das Kind kam nicht wieder, sondern schlief
in seinem unterirdischen Bettchen.
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