Ein Bauersmann hatte einen Sohn, der war so groß wie ein Daumen und
ward gar nicht größer und wuchs in etlichen Jahren nicht ein Haarbreit.
Einmal wollte der Bauer ins Feld gehen und pflügen, da
sagte der Kleine 'Vater, ich will mit hinaus.' 'Du willst mit
hinaus?' sprach der Vater, 'bleib du hier, dort bist du zu nichts nutz;
du könntest mir auch verloren gehen.' Da fing der Däumling an
zu weinen, und um Ruhe zu haben, steckte ihn der Vater in die Tasche
und nahm ihn mit. Draußen auf dem Felde holte er ihn wieder heraus und
setzte ihn in eine frische Furche. Wie er da so saß,
kam über den Berg ein großer Riese daher. 'Siehst du dort den großen
Butzemann?' sagte der Vater, und wollte den Kleinen schrecken, damit er
artig wäre, 'der kommt und holt dich.' Der Riese aber
hatte mit seinen langen Beinen kaum ein paar Schritte getan, so war
er bei der Furche. Er hob den kleinen Däumling mit zwei Fingern behutsam
in die Höhe, betrachtete ihn und ging, ohne ein Wort
zu sprechen, mit ihm fort. Der Vater stand dabei, konnte vor
Schrecken keinen Laut hervorbringen und dachte nicht anders als sein
Kind für verloren, also daß ers sein Lebtag nicht wieder mit
Augen sehen würde.
Da ging der Bauer heim und bestellte das Essen bei seiner Frau: der
Junge aber pflügte das Feld, zwei Morgen groß, ganz allein, und dann
spannte er sich auch selber vor die Egge und eggte alles
mit zwei Eggen zugleich. Wie er fertig war, ging er in den Wald und
riß zwei Eichenbäume aus, legte sie auf die Schultern, und hinten und
vorn eine Egge darauf, und hinten und vorn auch ein
Pferd, und trug das alles, als wär es ein Bund Stroh, nach seiner
Eltern Haus. Wie er in den Hof kam, erkannte ihn seine Mutter nicht und
fragte 'wer ist der entsetzliche große Mann?' Der Bauer
sagte 'das ist unser Sohn.' Sie sprach 'nein, unser Sohn ist das
nimmermehr, so groß haben wir keinen gehabt, unser war ein kleines
Ding.' Sie rief ihm zu 'geh fort, wir wollen dich nicht.' Der
Junge schwieg still, zog seine Pferde in den Stall, gab ihnen Hafer
und Heu, alles wie sichs gehörte. Als er fertig war, ging er in die
Stube, setzte sich auf die Bank und sagte 'Mutter, nun
hätte ich Lust zu essen, ists bald fertig?' Da sagte sie 'ja, und
brachte zwei große große Schüsseln voll herein, daran hätten sie und ihr
Mann acht Tage lang satt gehabt. Der Junge aber aß sie
allein auf und fragte, ob sie nicht mehr vorsetzen könnte. 'Nein,'
sagte sie, 'das ist alles, was wir haben.' 'Das war ja nur zum
Schmecken, ich muß mehr haben.' Sie getraute nicht, ihm zu
widerstehen, ging hin und setzte einen großen Schweinekessel voll
übers Feuer, und wie es gar war, trug sie es herein. 'Endlich kommen
noch ein paar Brocken,' sagte er und aß alles hinein; es war
aber doch nicht genug, seinen Hunger zu stillen. Da sprach er
'Vater, ich sehe wohl, bei ihm werd ich nicht satt, will er mir einen
Stab von Eisen verschaffen, der stark ist und den ich vor
meinen Knien nicht zerbrechen kann, so will ich fort in die Welt
gehen.' Der Bauer war froh, spannte seine zwei Pferde vor den Wagen und
holte bei dem Schmied einen Stab so groß und dick, als ihn
die zwei Pferde nur fortschaffen konnten. Der Junge nahm ihn vor die
Knie und ratsch! brach er ihn wie eine Bohnenstange in der Mitte
entzwei und warf ihn weg. Der Vater spannte vier Pferde vor
und holte einen Stab so groß und dick, als ihn die vier Pferde
fortschaffen konnten. Der Sohn knickte auch diesen vor dem Knie entzwei,
warf ihn hin und sprach 'Vater, der kann mir nicht helfen,
er muß besser vorspannen und einen stärkern Stab holen.' Da spannte
der Vater acht Pferde vor und holte einen so groß und dick, als ihn die
acht Pferde herbeifahren konnten. Wie der Sohn den in
die Hand nahm, brach er gleich oben ein Stück davon ab und sagte
'Vater, ich sehe, er kann mir keinen Stab anschaffen, wie ich ihn
brauche, ich will nicht länger bei ihm bleiben.'
Da ging er fort und gab sich für einen Schmiedegesellen aus.
Er kam in ein Dorf, darin wohnte ein Schmied, der war ein Geizmann,
gönnte keinem Menschen etwas und wollte alles allein haben; zu dem trat
er in die Schmiede und fragte, ob er keinen Gesellen
brauchte. 'Ja,' sagte der Schmied, sah ihn an und dachte 'das ist
ein tüchtiger Kerl, der wird gut vorschlagen und sein Brot verdienen.'
Er fragte 'wieviel willst du Lohn haben?' 'Gar keinen will
ich haben,' antwortete er, 'nur alle vierzehn Tage, wenn die andern
Gesellen ihren Lohn bezahlt kriegen, will ich dir zwei Streiche geben,
die mußt du aushalten.' Das war der Geizmann von Herzen
zufrieden und dachte damit viel Geld zu sparen. Am andern Morgen
sollte der fremde Geselle zuerst vorschlagen, wie aber der Meister den
glühenden Stab brachte und jener den ersten Schlag tat, so
flog das Eisen voneinander und der Amboß sank in die Erde, so tief,
daß sie ihn gar nicht wieder herausbringen konnten. Da ward der Geizmann
bös und sagte 'ei was, dich kann ich nicht brauchen,
du schlägst gar zu grob, was willst du für den einen Zuschlag
haben?' Da sprach er 'ich will dir nur einen ganz kleinen Streich geben,
weiter nichts.' Und hob seinen Fuß auf und gab ihm einen
Tritt, daß er über vier Fuder Heu hinausflog. Darauf suchte er sich
den dicksten Eisenstab aus, der in der Schmiede war, nahm ihn als einen
Stock in die Hand und ging weiter.
Als er eine Weile gezogen war, kam er zu einem Vorwerk und fragte
den Amtmann, ob er keinen Großknecht nötig hätte. 'Ja,' sagte der
Amtmann, 'ich kann einen brauchen: du siehst aus wie ein
tüchtiger Kerl, der schon was vermag, wieviel willst du Jahrslohn
haben?' Er antwortete wiederum, er verlangte gar keinen Lohn, aber alle
Jahre wollte er ihm drei Streiche geben, die müßte er
aushalten. Das war der Amtmann zufrieden, denn er war auch ein
Geizhals. Am andern Morgen, da sollten die Knechte ins Holz fahren, und
die andern Knechte waren schon auf, er aber lag noch im
Bett. Da rief ihn einer an 'steh auf, es ist Zeit, wir wollen ins
Holz, und du mußt mit.' 'Ach,' sagte er ganz grob und trotzig, 'geht ihr
nur hin, ich komme doch eher wieder als ihr alle
miteinander.' Da gingen die andern zum Amtmann und erzählten ihm,
der Großknecht läge noch im Bett und wollte nicht mit ins Holz fahren.
Der Amtmann sagte, sie sollten ihn noch einmal wecken und
ihn heißen die Pferde vorspannen. Der Großknecht sprach aber wie
vorher 'geht ihr nur hin, ich komme doch eher wieder als ihr alle
miteinander.' Darauf blieb er noch zwei Stunden liegen, da stieg
er endlich aus den Federn, holte sich aber erst zwei Scheffel voll
Erbsen vom Boden, kochte sich einen Brei und aß den mit guter Ruhe, und
wie das alles geschehen war, ging er hin, spannte die
Pferde vor und fuhr ins Holz.
Nicht weit vor dem Holz war ein Hohlweg, wo er durch mußte, da fuhr
er den Wagen erst vorwärts, dann mußten die Pferde stille halten, und er
ging hinter den Wagen, nahm Bäume und Reisig und
machte da eine große Hucke (Verhack), so daß kein Pferd durchkommen
konnte. Wie er nun vors Holz kam, fuhren die andern eben mit ihren
beladenen Wagen heraus und wollten heim, da sprach er zu
ihnen 'fahrt nur hin, ich komme doch eher als ihr nach Haus.' Er
fuhr gar nicht weit ins Holz, riß gleich zwei der allergrößten Bäume aus
der Erde, warf sie auf de n Wagen und drehte um. Als er
vor der Hucke anlangte, standen die andern noch da und konnten nicht
durch. 'Seht ihr wohl,' sprach er, 'wärt ihr bei mir geblieben, so wärt
ihr ebenso schnell nach Haus gekommen und hättet noch
eine Stunde schlafen können.' Er wollte nun zufahren, aber seine
Pferde konnten sich nicht durcharbeiten, da spannte er sie aus, legte
sie oben auf den Wagen, nahm selber die Deichsel in die
Hand, und hüf! zog er alles durch, und das ging so leicht, als hätt
er Federn geladen. Wie er drüben war, sprach er zu den andern 'seht ihr
wohl, ich bin schneller hindurch als ihr,' fuhr weiter,
und die andern mußten stehen bleiben. In dem Hof aber nahm er einen
Baum in die Hand, zeigte ihn dem Amtmann und sagte 'ist das nicht ein
schönes Klafterstück?' Da sprach der Amtmann zu seiner
Frau 'der Knecht ist gut; wenn er auch lang schläft, er ist doch
eher wieder da als die andern.'
Nun diente er dem Amtmann ein Jahr: wie das herum war und die andern
Knechte ihren Lohn kriegten, sprach er, es wäre Zeit, er wollte sich
auch seinen Lohn nehmen. Dem Amtmann ward aber angst vor
den Streichen, die er kriegen sollte, und bat ihn inständig, er
möchte sie ihm schenken, lieber wollte er selbst Großknecht werden, und
er sollte Amtmann sein. 'Nein,' sprach er, 'ich will kein
Amtmann werden, ich bin Großknecht und wills bleiben, ich will aber
austeilen, was bedungen ist.' Der Amtmann wollte ihm geben, was er nur
verlangte, aber es half nichts, der Großknecht sprach zu
allem 'nein.' Da wußte sich der Amtmann nicht zu helfen und bat ihn
um vierzehn Tage Frist, er wollte sich auf etwas besinnen. Der
Großknecht sprach, die Frist sollte er haben. Der Amtmann berief
alle seine Schreiber zusammen, sie sollten sich bedenken und ihm
einen Rat geben. Die Schreiber besannen sich lange, endlich sagten sie,
vor dem Großknecht wäre niemand seines Lebens sicher, der
schlüge einen Menschen wie eine Mücke tot. Er sollte ihn heißen in
den Brunnen steigen und ihn reinigen, wenn er unten wäre, wollten sie
einen von den Mühlensteinen, die da lägen, herbeirollen
und ihm auf den Kopf werfen, dann würde er nicht wieder an des Tages
Licht kommen. Der Rat gefiel dem Amtmann, und der Großknecht war
bereit, in den Brunnen hinabzusteigen. Als er unten auf dem
Grund stand, rollten sie den größten Mühlenstein hinab, und meinten,
der Kopf wäre ihm eingeschlagen, aber er rief 'jagt die Hühner vom
Brunnen weg, die kratzen da oben im Sand und werfen mir die
Körner in die Augen, daß ich nicht sehen kann.' Da rief der Amtmann
'husch! husch!' und tat, als scheuchte er die Hühner weg. Als der
Großknecht mit seiner Arbeit fertig war, stieg er herauf und
sagte 'seht einmal, ich habe doch ein schönes Halsband um,' da war
es der Mühlenstein, den er um den Hals trug. Der Großknecht wollte jetzt
seinen Lohn nehmen, aber der Amtmann bat wieder um
vierzehn Tage Bedenkzeit.
Die Schreiber kamen zusammen und gaben den Rat, er sollte den
Großknecht in die verwünschte Mühle schicken, um dort in der Nacht Korn
zu mahlen: von da wäre noch kein Mensch morgens lebendig
herausgekommen. Der Anschlag gefiel dem Amtmann, er rief den
Großknecht noch denselben Abend und hieß ihn acht Malter Korn in die
Mühle fahren und in der Nacht noch mahlen; sie hättens nötig. Da
ging der Großknecht auf den Boden und tat zwei Malter in seine
rechte Tasche, zwei in die linke, vier nahm er in einem Quersack halb
auf den Rücken, halb auf die Brust, und ging also beladen nach
der verwünschten Mühle. Der Müller sagte ihm, bei Tag könnte er
recht gut da mahlen, aber nicht in der Nacht, da wäre die Mühle
verwünscht, und wer da noch hineingegangen wäre, den hätte man am
Morgen tot darin gefunden. Er sprach 'ich will schon durchkommen,
macht Euch nur fort und legt Euch aufs Ohr.' Darauf ging er in die Mühle
und schüttete das Korn auf. Gegen elf Uhr ging er in die
Müllerstube und setzte sich auf die Bank. Als er ein Weilchen da
gesessen hatte, tat sich auf einmal die Tür auf und kam eine große große
Tafel herein, und auf die Tafel stellte sich Wein und
Braten und viel gutes Essen, alles von selber, denn es war niemand
da, ders auftrug. Und danach rückten sich die Stühle herbei, aber es
kamen keine Leute, bis auf einmal sah er Finger, die
hantierten mit den Messern und Gabeln und legten Speisen auf die
Teller, aber sonst konnte er nichts sehen. Da er hungrig war und die
Speisen sah, so setzte er sich auch an die Tafel, aß mit und
ließ sichs gut schmecken. Als er satt war und die andern ihre
Schüsseln auch ganz leer gemacht hatten, da wurden die Lichter auf
einmal alle ausgeputzt, das hörte er deutlich, und wies nun
stockfinster war, so kriegte er so etwas wie eine Ohrfei ge ins
Gesicht. Da sprach er 'wenn noch einmal so etwas kommt, so teil ich auch
wieder aus.' Und wie er zum zweitenmal eine Ohrfeige
kriegte, da schlug er gleichfalls mit hinein. Und so ging das fort
die ganze Nacht, er nahm nichts umsonst, sondern gab reichlich zurück
und schlug nicht faul um sich herum: bei Tagesanbruch aber
hörte alles auf. Wie der Müller aufgestanden war, wollte er nach ihm
sehen und verwunderte sich, daß er noch lebte. Da sprach er 'ich habe
mich satt gegessen, habe Ohrfeigen gekriegt, aber ich
habe auch Ohrfeigen ausgeteilt.' Der Müller freute sich und sagte,
nun wäre die Mühle erlöst, und wollt ihm gern zur Belohnung viel Geld
geben. Er sprach aber 'Geld will ich nicht, ich habe doch
genug.'
Dann nahm er sein Mehl auf den Rücken, ging nach Haus und sagte dem
Amtmann, er hätte die Sache ausgerichtet und wollte nun seinen
bedungenen Lohn haben. Wie der Amtmann das hörte, da ward ihm
erst recht angst: er wußte sich nicht zu lassen, ging in der Stube
auf und ab, und die Schweißtropfen liefen ihm von der Stirne herunter.
Da machte er das Fenster auf nach frischer Luft, ehe er
sichs aber versah, hatte ihm der Großknecht einen Tritt gegeben, daß
er durchs Fenster in die Luft hineinflog, immer fort, bis ihn niemand
mehr sehen konnte. Da sprach der Großknecht zur Frau des
Amtmanns 'kommt er nicht wieder, so müßt Ihr den anderen Streich
hinnehmen.' Sie rief 'nein, nein, ich kanns nicht aushalten,' und machte
das andere Fenster auf, weil ihr die Schweißtropfen die
Stirne herunterliefen. Da gab er ihr einen Tritt, daß sie
gleichfalls hinausflog, und da sie leichter war, noch viel höher als ihr
Mann. Der Mann rief 'komm doch zu mir,' sie aber rief 'komm du
zu mir, ich kann nicht zu dir.' Und sie schwebten da in der Luft,
und konnte keins zum andern kommen, und ob sie da noch schweben, das
weiß ich nicht; der junge Riese aber nahm seine Eisenstange
und ging weiter.
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