Montag, 25. Juni 2018
DER TOD UND DER GÄNSEHIRT
Es ging ein armer Hirt an dem Ufer eines grossen und ungestümen Wassers,
hütend einen Haufen weisser Gänse. Zu diesem kam der Tod über Wasser
und wurde von dem Hirten gefragt, wo er herkomme und
wo er hin wolle. Der Tod antwortete, dass er aus dem Wasser komme
und aus der Welt wolle. Der arme Gänsehirt fragte ferners, wie man doch
aus der Welt kommen könne. Der Tod sagte, dass man über
das Wasser in die neue Welt müsse, welche jenseits gelegen. Der Hirt
sagte, dass er dieses Lebens müde, und bat den Tod, er sollte ihn mit
über nehmen. Der Tod sagte, dass es noch nicht Zeit, und
hätte er jetzt sonst zu verrichten. Es war aber unferne davon ein
Geizhals, der trachtete bei nachts auf seinem Lager, wie er doch mehr
Geld und Gut zusammenbringen möchte, den führte der Tod zu
dem grossen Wasser und stiess ihn hinein. Weil er aber nicht
schwimmen konnte, ist er zu Grunde gesunken, bevor er an das Ufer
konnte. Seine Hunde und Katzen, so ihm nachgelaufen, sind auch mit
ihm ersoffen. Etliche Tage hernach kam der Tod auch zu dem
Gänsehirten, fand ihn fröhlich singen und sprach zu ihm: "Willst du nun
mit?" Er war willig und kam mit seinen weissen Gänsen wohl
hinüber, welche alle in weisse Schafe verwandelt worden. Der
Gänsehirt betrachtete das schöne Land und hörte, dass die Hirten
derorten zu Königen würden, und indem er sich recht umsah, kamen ihm
die Erzhirten Abraham, Isaak und Jakob entgegen, setzten ihm eine
königliche Krone auf und führten ihn in der Hirten Schloss, allda er
noch zu finden.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen